Gedenkfeier
Mit dem
tok-toktok-toktok eines rollenden Eisenbahnzuges verlöscht
meine Erinnerung, und sie blendet wieder auf mit einem
weißen Bett und freundlichen Menschen, die eine
unverständliche Sprache sprechen. Dazwischen liegen mehr
als drei Jahre meines Lebens, von denen ich nichts weiß.
Ich habe alles unternommen, um die Ereignisse dieser Zeit
zu erkunden. Ich habe Bücher gelesen, in Archiven
geforscht, ich habe gelernt, über das Internet
Informationen zu beschaffen. Mir ist heute bekannt, dass
jener Zug meine Eltern, meine kleine Schwester und mich aus
Berlin nach Lódz und in das Getto Litzmannstadt brachte.
Ich habe Kopien unserer Anmeldekarten erhalten und weiß,
dass wir in der Reiterstraße 25 mit zwei weiteren Personen
ein Zimmer bewohnten, nachdem wir viele Monate in einem
Massenquartier gehaust hatten. Eine Arbeitskarte wurde
gefunden, die bestätigte, dass ich als Zehnjähriger im
Schneiderressort angestellt war. Meine kleine Schwester
wurde während der „Grossen Sperre“ nach Kulmhof deportiert
und dort ermordet wie meine Mutter in Auschwitz-Birkenau
nach der Liquidierung des Gettos. Ein britischer
Militärarzt bescheinigte, dass mein Vater wenige Tage nach
der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen an
Typhus und Entkräftung gestorben war.
Das alles habe ich herausgefunden, aber es sind Tatsachen,
die mich nicht berühren, obwohl sie mein Leben während
dieser drei Jahre beschreiben. Ich fühle weder die Neugier
des Kindes bei einer langen Eisenbahnfahrt, noch die Angst
vor den brüllenden deutschen Soldaten, noch das Entsetzen
bei der Verschleppung meiner kleinen Schwester, noch auch
die Trauer beim Tod meiner Eltern oder die Freude, als ich
aus dem unmenschlichen Elend des Lagers befreit wurde.
Meine Geschichte dieser Jahre ist wie ein Abschnitt aus dem
Geschichtsbuch: nichts, das mit mir zu tun hat. Ich möchte
nicht sterben, ohne dass mir mein ganzes Leben wieder
gegenwärtig ist. Zwar habe ich es mit dem Sterben nicht
eilig, aber ich weiß, dass ein letzter Tag kommt, und dann
wird es zu spät sein, das eigene Leben ganz in den Tod
mitzunehmen.
Da erhielt ich eine Einladung nach Lódz zu einer
Gedenkfeier fünfundsechzig Jahre nach der Liquidierung des
Gettos. Ich war nie wieder in dieser Stadt gewesen. Sie
bedeutete mir nichts. Aber vielleicht könnte die Begegnung
mit den alten Stätten meine Erinnerung wieder wecken. Ich
beschloss, den Versuch zu wagen.
Der zweite Tag der Gedenkfeier begann mit einem Treffen am
Bahnhof Radegast. Hier waren wir von Berlin angekommen, und
von da wurden wir, als die Deutschen das Getto auflösten,
in den Zug nach Auschwitz gepresst. Das Bahnhofsgebäude
betrachtete ich aufmerksam. Es kam mir ein wenig bekannt
vor, aber ich hatte auch schon Fotos dieser Baracke
gesehen. Auf den Gleisen standen eine alte Dampflokomotive
und zwei oder drei Güterwagen mit deutschen Aufschriften.
Plötzlich schien es mir, als müssten die kleinen
Fensterluken dieser Waggons mit Stacheldraht versperrt
gewesen sein. Ich sah genauer hin. Sie waren es.
Nach einigen Ansprachen und einem Gebet setzte sich der Zug
der Teilnehmer in Bewegung. So mussten wir damals nach der
Ankunft in das Getto geführt worden sein. Zwei Reihen vor
mir gingen ein Mann und eine Frau, beide alt, wie natürlich
die meisten von uns. Die Hitze machte ihnen zu schaffen.
Sie hielten immer wieder an und ließen den Zug stocken. Vom
Rand der Straße kam ein junger Mann auf sie zu mit einem
roten Kreuz am Ärmel und einer Wasserflasche in der Hand.
Auf einmal war ein Bild da. Zwei Männer vor uns, die eine
alte Frau zwischen sich mehr trugen als führten. Wir
mussten stehen bleiben. Da trat ein deutscher Soldat vom
Straßenrand an sie heran, ich sah ihn mit seinem Helm und
seinen Rangabzeichen auf der Schulter. Er zog seine
Pistole, setzte sie der alten Frau an den Kopf und schoss.
Die Frau glitt langsam zu Boden. Ich fuhr zusammen und
drückte mich erschrocken an meinen Vater, an dessen Hand
ich ging. Da kam der Soldat auf mich zu, strich mir über
den Kopf und sagte: „Du musst keine Angst haben. Ich tu dir
nichts. Aber für die alte Frau ist es besser so.“ Der Zug
ging weiter, mein Kopf, den der Soldat berührt hatte,
brannte wie nach einem Schlag.
Ich spürte, wie mich jemand am Arm nahm. „Geht es Ihnen
nicht gut?“ Ich schüttelte den Kopf, aber der energische
Griff führte mich zu einer Parkbank, die am Wege stand.
Jetzt spürte ich mein Herz heftig klopfen, und ich war
dankbar für den Becher Wasser, der mir gereicht wurde.
Die Überlebenden des Gettos waren zu einem Treffen ins
Stadtmuseum, das ehemalige Palais von Israel Poznanski
eingeladen. Das Gebäude hatte außerhalb des Gettos gelegen.
Wir standen in einer großen prächtigen Halle. Die meisten
schienen sich zu kennen. Ich hielt mich etwas abseits und
sah in die Gesichter, neugierig, ob mir eines bekannt
vorkommen würde. Aus dem Stimmengewirr drang plötzlich ein
kurzer Satz: „Wird schon schief gehen“, und ein gestoßenes
Lachen. Es war die Stimme eines erwachsenen Mannes, aber
ich hörte durch sie hindurch die Stimme eines Jungen, der
Albert hieß und neben mir an einer Nähmaschine gesessen
hatte. Vor uns, neben uns, hinter uns ratterten die
Maschinen, wir mussten Stoffteile zusammen nähen und sie
dann dem Nachbarn weitergeben. Es war heiß und stickig in
diesem Saal, wir trieben die Maschinen mit den Pedalen an,
sollten schnell nähen und doch keine Fehler machen. Die
Aufseher, die zwischen den Maschinen hindurch liefen,
konnten unbarmherzig sein. Morgens um acht mussten wir an
unseren Plätzen sitzen, und die Arbeit dauerte, mit einer
halben Stunde Unterbrechung und einer dünnen Suppe am
Mittag, für uns Kinder bis um vier Uhr. Dann führte man uns
in einen Kellerraum, wo ein Lehrer mit uns zwei Stunden
Lesen, Schreiben und Rechnen übte. Aber wir waren müde und
schliefen immer wieder ein. Dort hing eine Uhr, und deren
Zeiger schienen, vor allem gegen Ende der Unterrichtszeit,
still zu stehen. „Wird schon schief gehen, ha, ha, ha“.
Ich bemerkte, dass die Teilnehmer des Treffens sich am
Ausgang sammelten. Ich schloss mich ihnen an und hielt
eifrig Ausschau nach jenem Albert. Aber ich konnte ihn
nicht entdecken.
Am Nachmittag nahm ich ein Taxi und ließ mich in die
Reiterstraße fahren, die jetzt wieder ulica Urzędnica
heißt. Ich stand vor dem Haus, in dem wir damals wohnten.
Ganz langsam füllte sich dieses alte Gemäuer mit Leben.
Unser Fenster ging auf die Straße, wo ich stand und in der
damals die Getto-Grenze verlief. Wir waren alle in der
Stube versammelt, denn es war eine Ausgangssperre verhängt,
und die Werkstätten arbeiteten nicht. Das Zimmer war klein
und vollgestellt mit zwei Betten und einigen Strohsäcken,
die wir nachts auf den Boden legten. Ein junges Ehepaar,
Lilli und Martin, wohnten mit uns zusammen. Wir bebten vor
Angst. Die Bedrohung wuchs mit dem Geschrei aus den
Nachbarhäusern, das immer näher kam. Die Tür wurde
aufgerissen, zwei Männer traten herein, verlangten, dass
meine kleine Schwester mitkomme, und als diese sich fest an
die Mutter klammerte, rissen sie sie los und zerrten sie
aus dem Zimmer. Sie schrie. Wir waren wie gelähmt, solange
wir ihr Schreien aus dem Treppenhaus hörten. Meine Mutter
warf sich in einem stummen Weinkrampf auf das Bett. Mein
Vater starrte mit einem Ausdruck vor sich hin, den ich nie
vorher an ihm gesehen hatte.
Meine Erinnerung war zurückgekehrt, frisch wie am ersten
Tag, und aus den Bruchstücken formte sich eine
zusammenhängende Geschichte. Ich konnte die Ereignisse
dieser mehr als tausend Tage einzeln vor mir ablaufen
lassen, so schien es mir, von der Ankunft in Radegast bis
in das kleine Krankenhaus in Dänemark, das mich nach der
Befreiung des Lagers aufnahm.
Die Anstrengung, die mich diese Arbeit gekostet hatte,
entlud sich in einem heftigen Fieber, das ich in einer
Klinik in Lódz auskurierte, bevor ich in die USA
zurückkehrte.
aus
"Lodzer Texte"
Im
September erscheint:
Reinhard
Großmann
Lodzer
Texte - Die Retusche
LIT-Verlag
Münster
